Wenn das Gehirn verletzt ist

Als Eltern eines Kindes oder Jugendlichen mit einer Hirnverletzung muss man sich notgedrungen mit dem medizinischen Fachjargon auseinandersetzen. Eine kleine Wegleitung zum besseren Verständnis.

Entstehen Hirnverletzungen bereits bei der Hirnentwicklung während der Schwangerschaft, spricht man von angeborenen Fehlbildungen. Wird das Gehirn nach einer zuerst normalen Entwicklung geschädigt, kommt es zu einer sekundären Schädigung, zum Beispiel vor (prä-), während (peri-) oder kurz nach der Geburt (postnatal) durch Infarkte, Blutungen oder Sauerstoffmangel. Im Kindesalter kann eine Hirnverletzung als Folge von Unfällen oder Krankheiten erworben werden.

Angeborene Fehlbildungen

Diese haben vielfältige Ursachen: Chromosomenanomalien (wie Mono- und Trisomien) und sonstige Gendefekte, chemische Substanzen (wie Alkohol, Medikamente), Infektionen (wie Röteln, Herpes), Sauerstoffmangel oder metabolische Störungen (wie Vitaminmangel oder Stoffwechselerkrankungen der Mutter). Um welchen Schadfaktor es sich handelt, ist weniger wichtig als wann und wie lange er auf das Gehirn einwirkt. Die Einteilung dieser Fehlbildungen folgt dem normalen Entwicklungsverlauf des ZNS.

In den ersten Schwangerschaftswochen kann die Neurulation gestört sein. Die schwerste Form eines Neuralrohrdefekts ist die Anenzephalie, bei der sich die Schädeldecke nicht schliesst und Teile des Gehirns fehlen. Es gibt auch umschriebene Verschlussstörungen des Schädels und sogenannte Enzephalozelen – aussen von Haut überdeckte Bruchsäcke, die Hirnhäute, Liquor oder zusätzlich Teile des Gehirns enthalten. Neurulationsstörungen werden am vorderen Ende des Neuralrohres seltener beobachtet als im Bereich der Wirbelsäule und des Rückenmarks. Hier führen sie zu den unterschiedlichen Formen einer Spina bifida. Ist die frühe Entwicklung des Endhirns und der Kommissuren gestört, kommt es zu verschiedenen Formen der Holoprosenzephalie oder zu einem  Balkenmangel (Corpus-callosum-Agenesie), zum Beispiel dem Aicardi-Syndrom.

Ist die Bildung, Wanderung und Differenzierung der Nerven- und Gliazellen gestört, vermindert sich die Gehirnsubstanz oder verläuft die Rinden- und Windungsbildung fehlerhaft, beispielsweise bei der Mikrozephalie. Bei der Lissenzenphalie fehlen die Windungen teilweise oder ganz, bei den Polymikrogyrien liegen abnormen Windungen vor, bei der Schizenzephalie besteht hingegen eine mehr oder weniger breite liquorgefüllte Lücke im Gehirn. Heterotopien sind Ansammlungen normaler Neurone am falschen Ort, die häufig mit Epilepsien verbunden sind, wie auch die fokalen kortikalen Dysplasien, bei denen die Differenzierung der Hirnrinde gestört ist. Neurokutane Erkrankungen führen gleichzeitig zu Veränderungen an den Augen, an der Haut und an weiteren Organsystemen. Zu ihnen zählen die Neurofibromatosen, die tuberöse Hirnsklerose und das Sturge-Weber-Syndrom. Als Arachnoidalzysten bezeichnet man tumorartige Fehlbildungen in der mittleren Hirnhaut (Spinngewebehaut). Missbildungen in der hinteren Schädelgrube führen zu Störungen im Kleinhirn oder Hirnstamm, zum Beispiel den vier Typen der Chiari-Malformation. Im Bereich des Hirnstamms können Hirnnervenkerngebiete missgebildet sein. Ein Hydrozephalus entsteht, wenn die Ventrikel aus unterschiedlichen Gründen erweitert sind.

Neurodegenerative Erkrankungen

Diese sind meist langsam fortschreitende, erbliche oder spontan auftretende Erkrankungen des Nervensystems. Unter Degeneration versteht man eine Funktionseinschränkung, ein Abbau oder Funktionsverlust von Nervenzellen, der zu verschiedenen neurologischen Symptomen führt. Bei Kindern kommen beispielsweise der Morbus Pick, die Friedreich-Ataxie, die spinale Muskelatrophie und die infantile neuroaxonale Dystrophie (Seitelberger-Krankheit) vor.

Erworbene Hirnverletzungen

Zu diesen gehört das Schädel-Hirn-Trauma, beim dem eine Kraft auf das Gehirn einwirkt und es direkt und/oder indirekt durch die nachfolgende Einblutung und Schwellung schädigt. Auslöser sind Verkehrs- und Sportunfälle, Stürze, bei Babys auch Schütteltraumen und anderes.

Bei einem Hirninfarkt (Schlaganfall, ischämischer Infarkt) verschliessen Blutgerinnsel im Gehirn ein Gefäss. Das betroffene Hirngebiet wird zu wenig durchblutet und versorgt, es stirbt ab. Reisst oder platzt ein Blutgefäss oder eine mit Blut gefüllte Gefässausstülpung (Aneurysma) im Gehirn, kommt es zu einer Hirnblutung. Das austretende Blut schädigt das umliegende Gebiet, die Blutzufuhr und die Versorgung sind ebenfalls eingeschränkt.

Bei einem Hirntumor werden Hirngebiete durch raumfordernde Prozesse oder durch nachfolgende Operationen zerstört. Hirninfektionen wie Hirnhautentzündung (Meningitis) und Gehirnentzündung (Enzephalitis) können durch allgemeine Entzündungen (Nasen- oder Ohrenentzündungen, Zahneiterungen, Kinderkrankheiten wie Masern, Zeckenbisse usw.) entstehen und einzelne Hirngebiete oder diffus das ganze Gehirn schädigen. Setzen die Atmung und damit die Sauerstoffzufuhr für längere Zeit aus (bei Herz-Kreislauf-Stillstand, Ertrinken, Würgen, Kehlkopfschwellung usw.) entstehen durch den Sauerstoffmangel (Hypoxie) in der Regel diffuse Schäden im Gehirn. Auch Vergiftungen (Intoxikationen) durch Gase, Chemikalien, Drogen oder Medikamentenmissbrauch können schwere, meist diffus verteilte Schäden am Gehirn zur Folge haben.

Quelle: Lexikon der Neurowissenschaften

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